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30 Jahre Hyundai Deutschland

"Wir sind auf der Überholspur"

Eine Marke, die sich extrem schnell entwickelt.
Und ein Mann an der Spitze, der dabei einen
kühlen Kopf bewahrt. Klingt nach einem
Erfolgsrezept, findet auch Jürgen Keller, der als
Geschäftsführer bei Hyundai Motor
Deutschland seit rund zwei Jahren am Steuer
sitzt. Ein Interview über die Kraft einer großen Vision.

Text: Matea Prgomet
Foto: Ramon Haindl
Herr Keller, welchen Eindruck hatten Sie von Hyundai, bevor Sie im Jahr 2019 eingestiegen sind?

Vor Hyundai war ich sehr lange für Opel tätig, ich galt dort schon als Urgestein. Daher habe ich auf Hyundai immer durch die Brille eines deutschen Herstellers geblickt. Und wenn ich ehrlich bin, war dieser Blick ein wenig überheblich. Ich dachte, dass ein deutscher Automobilhersteller von einem asiatischen Importeur nichts zu befürchten hatte. Diese Sicht hat sich verändert. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als mir zum ersten Mal der Gedanke kam: Es kann doch nicht wahr sein, dass die uns überholt haben! Und das in einem Produktsegment, in dem ich nicht mit Hyundai gerechnet hatte.

Inwiefern änderte sich daraufhin Ihre Wahrnehmung der Marke?

Mir fiel auf, dass die Autos von Hyundai im Straßenbild viel präsenter sind, als ich erwartet hatte. Anfang der 1990er-Jahre, als das Unternehmen gerade seine ersten Schritte in Deutschland ging, gab es hierzulande einen Fahrzeugbestand von 2.900 Hyundai Fahrzeugen. Eine solche Menge fällt nicht auf. Inzwischen haben wir in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Fahrzeuge auf den Straßen. Das fällt sehr wohl auf – und hat auch bei mir Eindruck gemacht.

Wie schätzen Sie das Image von Hyundai als Marke auf dem deutschen Markt ein?

Die Marke hat einen eher unaufgeregten Auftritt. Und das meine ich im positiven Sinn. Hyundai ist auf keinen Fall überheblich oder angeberisch. Die Marke hat sogar die Tendenz, ein wenig zu zurückhaltend und zu leise zu agieren. Für uns Deutsche ist das nicht unbedingt etwas Schlechtes ...

Das klingt nach einem Aber ...

Ja, aber ... dieses subtile Auftreten führt dazu, dass das enorme technologische Know-How und die extreme Stärke bei alternativen Antrieben in der Vergangenheit nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten haben. Und das möchte ich ändern. Mein Vorsatz für die Zukunft ist es, dies aktiver und selbstbewusster zu kommunizieren.

Welche Dinge möchten Sie noch verändern – und welche Traditionen gern fortführen?

Als ich bei Hyundai angefangen habe, war es nicht mein Ansatz, alles zu verändern, nur damit andere merken, dass jetzt ein neuer Geschäftsführer da ist. Das hätte auch nicht zu meinem Charakter gepasst. Ich schaue mir die Dinge erst einmal an, versuche sie zu verstehen. Und dann steige ich mit den verschiedenen Teams in Diskussionen ein und entscheide, was ich anpacken und verbessern kann. Das heißt übrigens nicht, dass ich nicht auch schnell Dinge gesehen hätte, die ich gern ändern wollte. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, der Auftritt der Marke.

Hyundai Niederlassung Deutschland
Hyundai beim Wasserstoff laden

Hyundai zählt schon seit Jahrzehnten zu den Wasserstoff-Pionieren unter den Autoherstellern. Diese Wasserstoff-Tankstelle direkt an der Hyundai Zentrale in Offenbach ist seit 2016 öffentlich zugänglich.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Meilensteine der vergangenen Jahre für Hyundai in Deutschland?

Dazu zählt auf jeden Fall die Einführung des ersten Brennstoffzellenfahrzeugs, des ix35 Fuel Cell – und das bereits 2013, als noch kein anderer Hersteller so intensiv und kontinuierlich an Wasserstofftechnologie geforscht hat! Heute bieten wir mit dem NEXO bereits die zweite Generation eines Brennstoffzellenfahrzeuges auf dem Markt an. 2016 haben wir zudem unser erstes elektrisches Serienfahrzeug etabliert. Das Innovative war, dass dieser Wagen damals schon rein elektrisch als Hybrid oder als Plug-in-Hybrid erhältlich war. Ebenfalls sehr wichtig für uns: Die Einführung der N-Modelle im Jahr 2017. Unsere High-Performance-Submarke hat das Bild von Hyundai ebenfalls maßgeblich verändert. Plötzlich hatten uns auch urbane Petrolheads auf dem Radar.

Die Einführung unseres ersten Brennstoffzellenfahrzeugs war ein großer Meilenstein für Hyundai – und das bereits 2013, als noch kein anderer Hersteller so intensiv an Wasserstofftechnologie geforscht hat.

Eine grundlegende Änderung.

Mehr als das. Ein dramatischer Wandel. In nur wenigen Jahrzehnten von einem PONY zu einem IONIQ 5– das ist beeindruckend. Die beiden Autos müsste man nebeneinander sehen, um diesen Schritt wirklich begreifen zu können. Zur Einordnung: Als Hyundai 1991 den deutschen Markt betreten hat, ist in Zwickau der letzte Trabi vom Band gelaufen. Das war eine Zeit, in der sich in Deutschland auch unfassbar viel verändert hat, gerade nach der Wende. Die Scorpions haben „Wind of Change“ gesungen, und das war auch der Zeitgeist. Genau in diesen Moment hinein ist Hyundai in Neckarsulm mit 30 Mitarbeitern gestartet. Heute sind wir mit über 1.800 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber unter den Importeuren in Deutschland – und der größte asiatische Importeur bei den Zulassungen.

Hyundai Modelle - gestern und heute
Wo steht die Marke heute?

In nur 30 Jahren ist Hyundai von einem Low-Tech- Anbieter aus Asien zu einem Innovationstreiber geworden. Dazwischen liegt eine Phase als Fast Follower – mit einer extremen Stärke in puncto Preis-Leistung. Und jetzt sind wir tatsächlich Vorreiter. In vielen Punkten steht Hyundai mittlerweile vor etablierten Wettbewerbern, was unsere Technologie, Design, Sicherheit oder digitale Kundenkommunikation angeht. Wir sind auf der Überholspur.

Wie hat sich parallel zu diesem dramatischen Wandel Ihr eigener Blick auf das Unternehmen verändert?

Ich bin studierter Wirtschaftsingenieur, also zur Hälfte Vertriebler und zur Hälfte Ingenieur. Wenn ich sehe, wie viel an Ingenieurskraft in diesem Unternehmen steckt, dann begeistert mich das. Hyundai ist ein Konzern, der mit Visionen arbeitet und lebt. In Deutschland wird das nach wie vor oft belächelt und nicht ernst genommen. Aber ich habe selbst erlebt, wie wichtig die innere Überzeugung für die Entwicklung einer Firma ist.

Was meinen Sie damit konkret?

Ich hatte das Glück, noch vor dem Ausbruch der Coronapandemie nach Südkorea zu reisen und mich mit den Kollegen auszutauschen, die an der Weiterentwicklung der Wasserstofftechnologie arbeiten. Das war ganz zu Beginn meiner Zeit bei Hyundai und ich habe die Forschung und Entwicklung beim Thema Wasserstoff noch hinterfragt. Wieso machen wir das? Wir verdienen jetzt kein Geld damit und wir werden doch vermutlich auch in den kommenden Jahren nicht wirklich Geld damit verdienen. Meine Kollegen haben mich nur verständnislos angeschaut und geantwortet: Ja und? Das ist doch die Technologie der Zukunft und wir müssen investieren. Für mich war das ein prägender Aha-Moment.

Liegt hier ein entscheidender Unterschied zwischen deutschen und asiatischen Herstellern?

Um diese Frage gut zu beantworten, muss ich kurz auf die Geschichte des Landes eingehen. Denn vor etwa 50 Jahren war Südkorea noch das drittärmste Land der Welt, heute hat es eine der 15 größten Volkswirtschaften der Welt. Diese krasse Entwicklung prägt das Land und den Konzern Hyundai gleichermaßen. Der Sprung ist meiner Meinung nach auf dieses visionäre Denken zurückzuführen, das ich schon erwähnt habe. Chung Ju Yung, der Firmengründer von Hyundai, eröffnete nach seiner Flucht aus Nordkorea im Jahr 1940 eine einfache Autowerkstatt. Drei Jahre später gründete er ein Bauunternehmen, das sehr gut lief. Trotzdem setzte er sich in den 1960er-Jahren in den Kopf, dass er nun auch Autos bauen wolle. Dafür fehlte ihm im armen Korea aber der Stahl, also gründete er kurzerhand selbst ein Stahlwerk – und versorgte sich mit dem Rohstoff. In den 1970er-Jahren fehlte ihm dann die Infrastruktur, um seine Autos überhaupt zu verkaufen. Da baute Chung Häfen und Schiffe, um seine Fahrzeuge selbst exportieren zu können.

Hyundai Korea

Hyundai ist ein Konzern,
der mit Visionen arbeitet.

Würden Sie sagen, dass diese Gründungsgeschichte typisch für Südkorea ist?

Dahinter steht eine bestimmte koreanische Mentalität, die sehr zielgerichtet, beharrlich und zupackend ist. Interessanterweise passen diese Eigenschaften sehr gut zu unserer deutschen Kultur. Als ich mich vor etwa zwei Jahren auf meinen Posten vorbereitet habe, habe ich mich natürlich in die koreanische Kultur eingelesen – ich wollte mir schließlich keinen Fauxpas erlauben. Im Endeffekt hatte ich das Gefühl, dass ich als Deutscher sehr gut mit der koreanischen Kultur umgehen kann. Attribute wie Beharrlichkeit und Fleiß klingen zwar altmodisch, sie sind aber nach wie vor auch ein Kern unserer deutschen Kultur.

Wie soll es nun für Hyundai weitergehen?

Unser Ziel ist es, die alternativen Antriebe weiter zu forcieren und mit extremem Tempo weiternach vorn zu treiben. So bringen wir in diesem Jahr mehrere Modelle mit elektrischen Varianten auf den Markt – beispielsweise den SANTA FE und den TUCSON als Plug-in-Hybride. Und dann gibt es natürlich den großen Paukenschlag des Jahres: Mit dem IONIQ 5 bringen wir das erste Modell der neuen Submarke IONIQ auf den Markt – ein weiteres Produkt, das unsere alltagstauglichen Elektromodelle ergänzt und uns ganz neue Zielgruppen erschließt. Ich bin ganz begeistert, für mich ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Wo sehen Sie die Herausforderungen bei diesem rasanten Tempo?

Eine Herausforderung für uns alle als Gesellschaft wird es sein, die Brennstoffzellentechnologie voranzubringen. Diese Technologie wird sich unserer Einschätzung nach in den kommenden zehn Jahren in Europa und Deutschland durchsetzen. Es werden immer mehr Fahrzeuge auf den Markt drängen und mehr Kunden auf diese Technologie umschwenken. Natürlich muss dabei auch die Infrastruktur mitwachsen. Im Moment gibt es nur 86 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland. Aber ich bin überzeugt, dass mit einer Weiterentwicklung der Technologie auch die Infrastruktur nachziehen wird – so ähnlich, wie es die E-Mobilität gerade erlebt. Wir müssen unser Ziel im Auge behalten und mit großen Schritten darauf zugehen.

Jürgen Keller - Geschäftsführer Hyundai Deutschland

Jürgen Keller

ist seit 2019 Geschäftsführer von Hyundai Motor Deutschland. Davor war der studierte Wirtschaftsingenieur und ehemalige Leistungsschwimmer unter anderem Geschäftsführer von General Motors in Österreich sowie von Chevrolet und Opel in Deutschland. Der 55-Jährige ist zudem fünffacher Familienvater und auch privat überzeugter Elektromobilitätsenthusiast. Sein vorheriger Dienstwagen war der KONA Elektro, nun steht ein TUCSON Hybrid in der Garage. Den nächsten Autowechsel kann Keller jedoch kaum erwarten: Er freue sich schon auf die tägliche Fahrt zur Arbeit im neuen IONIQ 5, so Keller.

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