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NACHHALTIGKEIT

Wie Healthy Seas
gegen Geisternetze kämpft

Alte Fischernetze, die verlassen in den
Meeren treiben, bedrohen die Ozeane
und ihre Bewohner. Die Organisation
Healthy Seas hat den Kampf gegen
sie schon vor Jahren aufgenommen.
Text: Matea Prgomet
Fotos: Getty Images/richcarey (Aufmacher),
Cor Kuyvenhoven/Ghost Diving,
Pascal van Erp, George Lilas

Auf der Wasseroberfläche treiben Unmengen an schwarzen Kunststoffrohren. Andere sind auf den Meeresgrund gesunken und am Strand liegen Tonnen von ausgeblichenen Fischernetzen, Nylonleinen und rostigem Metallschrott, angespült von Wind und Wellen. „Als wir die ersten Bilder von der verlassenen Fischzuchtanlage gesehen haben, waren wir einfach nur schockiert“, sagt die Umweltschützerin Veronika Mikos über die Zustände auf der griechischen Insel Ithaka.

2012 war hier ein Fischzuchtunternehmen bankrott gegangen und hatte sämtliche Fischzuchtkäfige und andere Geräte auf der Ionischen Insel vor der Westküste Griechenlands einfach zurückgelassen. Im Jahr zuvor hatte ein heftiger Sturm die Lage noch verschärft, indem er alle Arten von Schutt und Müll in die Bucht spülte. Seitdem verschmutzt der Müll das gesamte Areal und gefährdet die lokale Gemeinde, den Schiffsverkehr und die Unterwasserwelt.

„Die Regierung hat nichts unternommen und konnte das Unternehmen auch nicht zur Rechenschaft ziehen“, erläutert Mikos. „Als wir den ersten Schock verdaut hatten, wussten wir, dass wir etwas tun müssen.“ Die 38-Jährige ist die Leiterin von Healthy Seas, einer Non-Profit-Organisation, die sich der Säuberung der Meere verschrieben hat. Seit ihrem Studium engagiert sich die gebürtige Ungarin aktiv für Tierschutz und Nachhaltigkeit. Heute orchestriert sie von ihrer Wahlheimat Niederlanden aus sämtliche Rettungsprojekte von Healthy Seas – ein Vollzeitjob, für den sie täglich ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Leidenschaft unter Beweis stellt.

Müll im Meer aus der Vogelperspektive

Healthy Seas und Hyundai

Im April 2021 haben Healthy Seas und Hyundai ihre Partnerschaft bekannt gegeben. Hyundai hat mit der Integration von Fußmatten aus ECONYL®-Garn in den IONIQ 5 bereits den nächsten Schritt gemacht. Außerdem unterstützte das Unternehmen auch die erste Säuberungsaktion von Healthy Seas in Deutschland: Vor der Insel Norderney wurden zahlreiche Schiffswracks von Geisternetzen befreit.

Taucher beim untersuchen von Müll unterwasser

Als wir den ersten Schock verdaut hatten, wussten wir, dass wir etwas tun müssen.

Mikos, Leiterin von Healthy Seas

Chaos unter der Wasseroberfläche

Healthy Seas hat sich auf die Bergung von verlassenen Fischernetzen spezialisiert und arbeitet dafür weltweit mit Marineexperten, Fischern und professionellen Tauchern zusammen. Seit der Gründung im Jahr 2013 hat die Organisation mehr als 580 Tonnen solcher Netze eingesammelt. „Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, was für ein großes Problem diese sogenannten Geisternetze für die Unterwasserwelt darstellen“, sagt Mikos. „Wer am Strand spazieren geht und den schönen Sonnenuntergang bewundert, nimmt nur die Schönheit der Natur wahr. Aber sobald man unter die Wasseroberfläche taucht, sieht man das Chaos da unten“, sagt Mikos.

Verlorene und aufgegebene Fischernetze sowie andere Fischereiausrüstungen machen mittlerweile rund zehn Prozent des gesamten Plastikmülls in den Ozeanen weltweit aus. Ungefähr die Hälfte des „Great Pacific Garbage Patch“, eines gigantischen Müllstrudels im Nordpazifik, besteht aus solchen Geisternetzen. Und der Strudel wächst stetig: Mittlerweile hat er eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern erreicht. Das ist drei Mal so groß wie Frankreich. Besonders Geisternetze aus der industriellen Fischerei lassen den Müllberg immer weiterwachsen. Die Netze können bis zu zehn Kilometer lang sein – und brauchen etwa 600 Jahre, bis sie sich vollständig zersetzt haben.

„Die Geisternetze treiben mit den Meeresströmungen und fangen weiterhin Fische und andere Meerestiere – immer weiter und weiter“, sagt Pascal van Erp. Der erfahrene Berufstaucher ist Diving & Maritime Manager bei Healthy Seas und hat zudem die Ghost Diving Foundation gegründet. Mitglieder dieser ehrenamtlichen Stiftung sind technische Taucher, die Healthy Seas bei jeder Säuberungsaktion unterstützen und die der 45-Jährige über die Jahre handverlesen hat.

Mann beim bergen eines Fischernetzes
Portrait Veronika Mikos
Veronika Mikos

Die 38-Jährige ist in Ungarn geboren und lebt heute an der Küste der Niederlande. Sie hat Wirtschaft in Ungarn und Finnland studiert. Schon immer habe sie alles interessiert, was Wirtschaft und Natur miteinander verbindet, sagt sie. Inzwischen kann sie keinen Strandspaziergang mehr machen, ohne auf den Plastikmüll zu achten.

Die Geisternetze sind effektiv: Sie töten alles, von Delfinen, Haien und Walen über Schildkröten bis zu kleinen Fischen, Seesternen und Krebsen.

Pascal van Erp, Gründer der Ghost Diving Foundation

„Sie töten alles“

„Die Geisternetze sind effektiv: Sie töten alles, von Delfinen, Haien und Walen über Schildkröten bis zu kleinen Fischen, Seesternen und Krebsen“, erklärt der erfahrene Taucher van Erp. Kleine Fische verfangen sich in den Netzen, größere Fische versuchen sie zu fressen und verfangen sich dabei selbst, bis das Netz schließlich auf den Meeresboden sinkt – und dann von einem anderen im Wasser treibenden Netz wieder eingesammelt wird. Dann steigt es wieder an die Oberfläche, und der ganze Kreislauf beginnt von vorne. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass jedes Jahr 640.000 Tonnen verlassene Fischereiausrüstungen in die Meere gelangen.

Die einzige Möglichkeit, um diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist es, die alte Ausrüstung mitsamt den gewaltigen Geisternetzen aus dem Wasser zu holen. Vor allem die Netze sind nicht nur für die Meerestiere eine Bedrohung – auch die Fischer leiden darunter. Denn die verlorenen Netze verheddern sich in deren aktueller Ausrüstung, was zu großen finanziellen Schäden führt.

Sogar für die Gesundheit des Menschen werden die Netze zur Gefahr. Denn sie verlieren fortwährend winzige Partikel, während sie im Meer treiben, das sogenannte Mikroplastik. Es gelangt in die Mägen von Fischen und Muscheln – und so auch in den menschlichen Körper. „Es ist unsere wichtigste Aufgabe, das Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen“, sagt die Umweltschützerin Veronika Mikos, „denn wir entfernen zwar die Netze, aber wir allein werden das Problem nicht lösen.“

Taucher Unterwasser beim bergen eines Gesternetzes
Portrait Pascal van Erp
Pascal van Erp

Der gelernte IT-Ingenieur hat 2005 mit dem Tauchen in den Niederlanden begonnen. Dabei ist ihm schnell aufgefallen, wie stark Geisternetze die Meeresbewohner bedrohen. Heute arbeitet er für Healthy Seas und hat zudem 2012 seine Ghost Diving Foundation gegründet, mit der er ehrenamtlich viele Tauchexpeditionen im Jahr leitet und organisiert. Zum Spaß tauchen kann der 45-Jährige heute nicht mehr, sagt er. Sobald er unter Wasser sei, scanne er seine Umgebung und überlege, ob er etwas säubern oder verbessern könne.

Medienwirksame Aktionen

Umso wichtiger ist es für Mikos’ Organisation Healthy Seas, öffentliche und medienwirksame Säuberungsaktionen wie jene auf der griechischen Insel Ithaka zu organisieren. Sie schärfen das Bewusstsein für das Problem und bringen unterschiedliche Kooperationspartner an einen Tisch. Das achttägige Unterfangen mit 45 Teilnehmern, unterstützt von mehreren internationalen Hilfsorganisationen und Unternehmen, war die bislang größte und erfolgreichste Aktion von Healthy Seas.

„Die Mission in Ithaka war für mein Team eine enorme Herausforderung“, sagt der Taucher Pascal van Erp. Schließlich musste sein Team, unterstützt von lokalen Tauchern, eine enorme Menge an Müll aus dem Meer fischen. Für die schweren Metallkonstruktionen auf dem Meeresboden kam sogar ein spezielles Bergungsschiff zum Einsatz.

Die Arbeit mit den schweren Netzen und Metallteilen ist nicht ungefährlich. „Diese Netze sind dafür gemacht, alles, was unter Wasser lebt, einzufangen“, erklärt der Tauchprofi van Erp. „Das heißt, dass sie auch für meine Taucher eine Gefahr darstellen. Wer auch nur einen Moment verunsichert ist oder die Kontrolle verliert, kann sich in dem Netz verheddern.“

Dabei sind der Niederländer und sein Team an das Tauchen unter extremen Bedingungen gewöhnt – schließlich trainieren sie regelmäßig in der rauen Nordsee, mit Sichtweiten von wenigen Zentimetern. In Griechenland schien die Situation auf den ersten Blick entspannter zu sein, denn in dem kristallklaren Wasser können Taucher ohne Probleme bis zu 30 Meter weit sehen. „Aber das ist trügerisch“, sagt van Erp. „Denn in dem Moment, in dem wir das Netz anheben, wirbelt der komplette Meeresboden auf – und wir sehen gar nichts mehr.“

Die körperlichen Strapazen waren es allerdings wert, da sind sich Mikos und van Erp einig. Das Ergebnis spricht für sich: Insgesamt sammelte das Team 5 Tonnen Fischernetze, 32 Tonnen Metall und 39 Tonnen Plastik ein, davon ganze 150 Säcke voller Styroporkugeln.

Medienwirksame Aktionen

Dass Teile dieses Materials nun nicht auf der Mülldeponie landen, sondern recycelt werden, ist auch ein Verdienst von Healthy Seas. Die Organisation sorgt dafür, dass der geborgene Abfall als Teil einer Kreislaufwirtschaft wieder zu einer Ressource wird. Die Netze werden gereinigt, sortiert und zu einem Sammelpunkt in der Nähe von Athen gebracht. Dort werden die geeigneten Geisternetze von der Firma Aquafil zusammen mit anderen Nylonabfällen zu ECONYL®-Garn aufbereitet, einer robusten und doch feinen Kunstfaser. ECONYL® ist die Basis für unterschiedliche Produkte wie Kleidung, Accessoires oder Teppiche. Auch die Autoindustrie hat Interesse an der Verarbeitung von ECONYL®-Garn. So verwendet Hyundai als einer der ersten Partner von Healthy Seas das recycelte Material für die Herstellung der Fußmatten des neuen vollelektrischen IONIQ 5.

„Ich bin sehr froh, dass wir mit Hyundai zusammengekommen sind“, sagt die Umweltschützerin Veronika Mikos. „Mir gefällt, dass sie nicht nur große Reden schwingen, sondern auch tatsächlich handeln.“ Sie tue sich mit solchen Kooperationen nämlich nicht leicht, erklärt Mikos weiter. „Wir wählen unsere Partner sorgfältig aus. Und wir haben uns über mehrere Monate lang erst mal alles genau angesehen, um sicher zu sein, dass die Zusammenarbeit für uns das Richtige ist.“

In Zukunft soll Healthy Seas nach Mikos’ Wünschen neben Europa auch in Afrika, Asien oder den USA aktiv werden. Auch Hyundai ist Teil ihrer Zukunftsvision – etwa als fester Mobilitätspartner, der den ökologischen Fußabdruck der Organisation weiter zu verbessern hilft. Eine Verschnaufpause nach dem Ithaka-Projekt gab es nicht. Trotzdem wirkt Mikos rundum zufrieden. Sie freue sich auf die nächste Herausforderung, sagt sie – und macht sich wieder an die Arbeit.

Gruppenbild der Umweltschützer

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